Allgemein

Morbus Scheuermann

Published by

Rücken.net-Redaktion

Die Rücken.net-Redaktion besteht aus einem Team von Sport- und Medizin-Redakteuren, die fundierte Ratgeber rund um das Thema Rückenschmerzen schreiben.

Bei Morbus Scheuermann handelt es sich um eine Wachstumsstörung der Wirbelsäule bei Jugendlichen. Aus diesem Grunde ist auch von Adoleszentenkyphose die Rede (Adoleszenz = Jugend). Unbehandelt kommt es zur Bildung eines Rundrückens. Darüber hinaus leiden die Betroffenen im Erwachsenenalter unter Bewegungseinschränkungen und Schmerzen. Um dies zu verhindern, ist eine frühzeitige Therapie wichtig.

Was genau passiert bei Morbus Scheuermann mit der Wirbelsäule?

Um die Erkrankung zu verstehen, musst man sich im ersten Schritt mit dem Aufbau der Wirbelsäule befassen. Die menschliche Wirbelsäule ist wie ein doppeltes “S” geformt. Sie besteht aus 24 Wirbelkörpern, die übereinandersitzen. Damit nicht Wirbel auf Wirbel reibt, befinden sich die Bandscheiben dazwischen. Letztere dämpfen Stoßbewegungen und fungieren somit als eine Art Puffer.

Kinder und Jugendliche befinden sich im Wachstum. Dies gilt auch für die Wirbelsäule. Manchmal kommt es jedoch vor, dass diese ungleichmäßig mitwächst. Infolgedessen verformen sich die Wirbelkörper. Die dorsale (nach hinten gerichtete) Kante des Wirbels wächst schneller als die ventrale (nach vorne gerichtete) Kante. Die Wirbel verformt sich keilförmig, wobei er mit der Spitze Richtung Bauch zeigt.

Befinden sich mehrere sogenannte Keilwirbel übereinander, bildet sich eine Hyperkyphose (Buckel). Die Brustwirbelsäule ist naturgemäß leicht nach hinten gerichtet (Kyphose), während die Halswirbelsäule und Lendenwirbelsäule sich leicht nach vorne wölben (Lordose). Bei einer Hyperkyphose ist die natürlich vorhandene Krümmung massiv ausgeprägt.

Allerdings muss nicht zwingend die Brustwirbelsäule von der Scheuermannkrankheit betroffen sein. Betrifft die Erkrankung beispielsweise die Lendenwirbelsäule, wird deren natürliche Vorwärtsneigung beeinträchtigt. Es entsteht ein sogenannter Flachrücken. Krümmt sich die Wirbelsäule zur Seite statt nach hinten, spricht man von einer Skoliose. Auch Letzteres ist bei Morbus Scheuermann möglich.

Welche Symptome treten bei Morbus Scheuermann auf?

Welche Symptome und Beschwerden auftreten, hängt vom Schweregrad der Erkrankung ab. Leichte Formen verursachen keine Beschwerden und werden oft gar nicht oder nur zufällig diagnostiziert. Bei schweren Formen der Erkrankung kann es zu folgenden Beschwerden kommen:

  • ausgeprägte Hyperkyphose (Buckel)
  • Mobilitätseinschränkung (der Oberkörper kann nicht schmerzfrei gedreht werden)
  • Rückenschmerzen
  • Atemprobleme durch eingeschränktes Lungenvolumen
  • Bandscheibenvorfälle
  • Kribbeln und Taubheitsgefühle in den Gliedmaßen

Hinzu kommt oftmals ein starker psychischer Leidensdruck aufgrund des “Buckels”. Betroffene Kinder und Jugendliche sind nicht selten mit Minderwertigkeitsgefühlen und Mobbing konfrontiert.

Stadien der Scheuermannkrankheit

Morbus Scheuermann lässt sich in drei Verlaufsstadien einteilen. Mit viel Glück wird die beginnende Erkrankung bereits im ersten Stadium erkannt, sodass frühzeitig eine Therapie eingeleitet werden kann. Leider suchen die meisten Betroffenen erst einen Arzt auf, wenn sie bereits von Schmerzen geplagt sind.

  • 1: Initialstadium
  • 2: Ausbildungsstadium
  • 3: Endstadium

Im Initialstadium fühlen sich die meisten Betroffenen noch beschwerdefrei. Im Röntgenbild ist die Veränderung der Wirbelsäule jedoch bereits ersichtlich. Manchmal fällt den Eltern eine krumme Sitzhaltung ihrer Kinder auf.

Im Ausbildungsstadium kommt es zu Rückenschmerzen. In diesem Stadium werden die meisten Diagnosen gestellt. Auch im Stehen ist die Kyphose nun deutlich erkennbar.

Das Endstadium ist von einem deutlichen Rundrücken gekennzeichnet. Die Rückenschmerzen sind meist nur noch mit Schmerzmitteln in den Griff zu bekommen. Bänder, Sehnen und Muskeln werden durch die deformierten Wirbelkörper und die daraus resultierende Fehlhaltung in Mitleidenschaft gezogen. Nicht selten tritt ein vorzeitiger Verschleiß der Wirbelsäule auf (Spondylarthrose).

Wichtig: Bei guter Behandlung muss es nicht zum Endstadium kommen!

Welche Ursachen liegen der Erkrankung zugrunde?

Die Ursachen der Scheuermannkrankheit sind noch nicht eindeutig geklärt. Vermutet wird allerdings, dass die Genetik eine entscheidende Rolle spielt. Oft tritt Morbus Scheuermann in mehreren Generationen innerhalb einer Familie auf. Jungen sind übrigens etwas häufiger betroffen als Mädchen. Weiterhin gelten eine schwache Rückenmuskulatur sowie langes, vorgebeugtes Sitzen als Risikofaktoren.

Auch Sportarten, die den Rücken stark belasten, können ursächlich für eine Wachstumsstörung der Wirbelsäule sein. Bei manchen Kampfsportarten kommt es zu starken Drehungen und Stauchungen der Brustwirbelsäule. Die Boden- und Deckplatten der Wirbelkörper können durch die starken äußeren Erschütterungen Schaden nehmen, was wiederum die Wachstumszonen beeinträchtigt.

Wie wird die Scheuermannkrankheit diagnostiziert?

Klagen Kinder oder Jugendliche über Rückenschmerzen und Bewegungseinschränkungen, sollte dringend ein Orthopäde aufgesucht werden. Letzteres gilt insbesondere, wenn bereits ein Rundrücken von außen sichtbar ist. Im ersten Schritt erhebt der Arzt die Anamnese. Folgende Aspekte werden hierbei abgefragt:

  • Welche Vorerkrankungen gibt es?
  • Wo treten die Schmerzen auf und wie fühlen sie sich an (dumpf, stechend, drückend)?
  • Wann haben die Beschwerden begonnen?
  • Gab es Fälle von Morbus Scheuermann in der Familie?
  • Welcher Sport wird ausgeübt?
  • Wie viele Stunden verbringt das Kind / der Jugendliche täglich sitzend?

Nach der Erhebung der Krankengeschichte schließt sich die körperliche Untersuchung an. Der Arzt beurteilt Form und Beweglichkeit der Wirbelsäule.

Um die Verdachtsdiagnose zu bestätigen, wird mithilfe bildgebender Verfahren der sogenannte Cobb-Winkel bestimmt. Hierzu muss zunächst der obere und untere Neutralwirbel gefunden werden. Ist Letzteres gelungen, werden die beiden Neutralwirbel mit einer Linie verbunden. Auf diese Weise lässt sich das Ausmaß der Wirbelsäulenkrümmung bestimmen.

Wie kann man Morbus Scheuermann behandeln?

Wird die Diagnose im Kindes- und Jugendalter gestellt, lautet die oberste Priorität, das Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern. Dies gelingt mit einer Kombination verschiedener konservativer Behandlungsmethoden. Eine Operation wird nur in sehr schweren Fällen durchgeführt, wenn der Cobb-Winkel über 70 Grad beträgt. Schauen wir uns die Behandlungsmethoden doch mal genauer an:

Physiotherapie

Im Rahmen einer Physiotherapie absolviert der Betroffene verschiedene spezielle Übungen, um exakt die Muskelgruppen zu kräftigen, welche die Wirbelsäule aufrecht halten. Hierzu zählen vor allem die Rumpf-, Bauch- und Rückenmuskulatur. Neben Muskeltraining spielt auch die Muskeldehnung eine wichtige Rolle. Hierdurch wird die Mobilität der Wirbelsäule gefördert.

Nachfolgend möchten wir dir drei praktische Übungen für zu Hause vorstellen:

Dehnung deiner Brust- und Rückenmuskulatur

Stelle dich mit dem Gesicht vor eine Wand. Um mehr Bewegungsfreiheit für die Brust zu haben, wählst du am besten eine Ecke. Stelle deine Füße leicht versetzt voreinander ab. Lehne deine Hände in Kopfhöhe gegen die Wand. Deine Fingerspitzen sind nach oben gerichtet. Beuge die Ellenbogen leicht und achte darauf, dass sich deine Oberarme parallel zum Boden befinden.

Schiebe jetzt deine Brust nach vorne, bis du ein deutliches Muskelziehen verspürst. Halte die Spannung für etwa 30 Sekunden. Wiederhole die Übung drei- bis fünfmal.

Wohltuende Massage mit der Faszienrolle

Breite deine Trainingsmatte auf dem Boden aus und lege deine Faszienrolle darauf. Gehe nun selbst zu Boden und lege dich mit deinem oberen Rücken auf die Rolle. Stelle deine Beine angewinkelt auf. Rolle gemächlich vor und zurück, um deinen Rücken zu massieren.

Stabilisationsübung

Lege dich bäuchlings auf den Boden. Die Beine sind lang ausgestreckt. Deine Arme liegen eng am Körper, deine Handrücken zeigen in Richtung Decke. Hebe jetzt deinen Oberkörper an. Ziehe deine Schulter bewusst nach hinten. Achte darauf, dass dein Kopf eine Verlängerung deiner Wirbelsäule bildet. Halte die Übung für zehn Sekunden und mache acht bis zehn Wiederholungen.

Eine YouTube-Videoanleitung zum Mitmachen findest du hier: https://www.youtube.com/watch?v=IGsYYfWXKCI

Medikamentöse Therapie

Die medikamentöse Therapie bei Morbus Scheuermann dient ausschließlich der Schmerzlinderung. Es gibt leider Medikamente, welche gegen die Ursache oder Ausprägung der Erkrankung helfen. Zur Schmerzlinderung kommen beispielsweise Ibuprofen und Paracetamol zum Einsatz. In einigen Fällen kann es sinnvoll sein, zusätzlich Muskelrelaxanzien zu verabreichen, da die Muskulatur infolge der Fehlhaltung oftmals chronisch verkrampft ist.

Korsetttherapie

Ist die Krümmung stark ausgeprägt, ist das Tragen eines Stützkorsetts angeraten. Dieses muss im ersten Jahr 23 Stunden täglich getragen werden. Viele Kinder und Jugendliche empfinden diese Tatsache als sehr belastend und einschränkend. Es lohnt sich jedoch, durchzuhalten: Die Korsetttherapie erzielt gute Resultate. Bei konsequenter Anwendung lässt sich das Voranschreiten der Erkrankung stoppen.

Nach einem Jahr kann die Tragezeit des Korsetts auf eine Stunde täglich reduziert werden. Es bedarf regelmäßiger ärztlicher Kontrolluntersuchungen, um Veränderungen zu dokumentieren und das Korsett bei Bedarf anzupassen.

Operative Therapie

In manchen Fällen lässt sich eine Operation bei Morbus Scheuermann nicht umgehen. Dies ist z. B. bei einem starken Krümmungswinkel sowie einer daraus resultierenden Einschränkung der Lungenfunktion der Fall. Aber auch kosmetische Aspekte können bei der Entscheidung zur OP eine Rolle spielen.

Wichtig: Die OP darf erst durchgeführt werden, wenn das Wachstum der Wirbelsäule definitiv zum Stillstand gekommen ist. Für Kinder und Jugendliche ist eine OP demzufolge keine Option.

Im Rahmen der OP werden die Bandscheiben entfernt. Der Hohlraum wird anschließend mit körpereigenem Knochenmaterial aufgefüllt. Der Operateur stabilisiert die Wirbelsäule abschließend mit Schrauben und Metallplatten. Nach der Operation muss der Patient noch für einige Monate ein Korsett tragen.

Wie kann man Morbus Scheuermann vorbeugen?

Da die Ursachen noch nicht gänzlich erforscht sind, ist es schwierig, Tipps zur Vorbeugung festzulegen. Entwickelt sich die Scheuermannerkrankung aufgrund einer genetischen Disposition, gibt es keine Möglichkeit, um vorzubeugen. Die Genetik lässt sich schließlich nicht verändern.

Wer dennoch etwas tun möchte, sollte sein Kind zu regelmäßiger Bewegung motivieren. Fehlhaltungen und Bewegungsmangel können die Entstehung von Morbus Scheuermann begünstigen. Ein langer Schultag, Hausaufgaben, Freizeit vor dem Computer oder Fernseher: Viele Kinder bewegen sich viel zu wenig. Ein Zustand, der sich negativ auf die Gesundheit und Entwicklung auswirkt.

Kinder und Jugendliche sollten Sportarten bevorzugen, die rückenschonend sind und zugleich die Rumpf- und Bauchmuskulatur kräftigen. Gut geeignet sind z. B. Schwimmen, sanfte Gymnastik (Kinderturnen, nicht auf Leistungsniveau), Fahrrad fahren und therapeutisches Reiten.

Schlecht für die Wirbelsäule in der Wachstumsphase sind sämtliche Sportarten, bei denen es zu Erschütterungen und Stauchbewegungen kommt. Hierzu zählen Kampfsport, Ballsport und generell alle Formen von Leistungssport.

Wenn die Scheuermannerkrankung in deiner Familie bereits gehäuft aufgetreten ist, solltest du dein Kind aufmerksam beobachten, um erste Anzeichen nicht zu übersehen. Sprich auch mit dem Kinderarzt über die diesbezügliche familiäre Vorbelastung.

Dürfen von Morbus Scheuermann betroffene Kinder und Jugendliche am Schulsport teilnehmen?

Diese Frage ist ganz klar zu bejahen. Bewegung ist gerade bei diesem Krankheitshintergrund wichtig. Allerdings sollte der Sportlehrer über die Erkrankung informiert werden.

Wie ist die Prognose bei Morbus Scheuermann?

Die Scheuermannkrankheit beginnt meist mit dem ersten Wachstumsschub in der Pubertät, in einigen Fällen zeigen sich erste Symptome jedoch auch früher. Während des gesamten Körperwachstums schreitet die Scheuermannkrankheit parallel voran. Ist das Körperwachstum abgeschlossen, kommt auch der Morbus Scheuermann zum Stillstand.

Das bedeutet, dass sich die Erkrankung bei Erwachsenen nicht weiter verschlimmert. Die bereits eingetretenen Deformierungen sind allerdings irreversibel, d. h. nicht rückgängig zu machen (abgesehen von einem operativen Eingriff). Durch die Fehlhaltungen verschlimmern sich die Beschwerden im Erwachsenenalter, sofern in der Jugend keine Gegenmaßnahmen ergriffen wurden.

Die Bestimmung des Cobb-Winkels in der Jugend kann einen Aufschluss darüber geben, wie sich die Erkrankung weiterentwickeln wird. Grundsätzlich gilt, dass die Prognose davon abhängt, wie früh die Scheuermannerkrankung diagnostiziert und behandelt wurde. Bei rechtzeitiger Behandlung ist die Prognose gut. Der Betroffene kann meist weitgehend beschwerdefrei leben. Schwere Verläufe sind glücklicherweise selten.

Allerdings gibt es Aspekte, welche die Prognose verschlechtern:

  • starkes Ausmaß der Deformierung
  • das Vorhandensein einer begleitenden Skoliose
  • Übergewicht

Treffen eine oder mehrere der oben genannten Faktoren zu, kann es zu Komplikationen kommen. Während du die ersten beiden Faktoren nicht beeinflussen kannst, lässt sich der Risikofaktor Übergewicht durchaus minimieren. Ein zu hohes Körpergewicht belastet die Knochen und Gelenke. Auch die Wirbelsäule hat sprichwörtlich “schwerer zu tragen”. Dies verschlechtert die Prognose bei Morbus Scheuermann erheblich.

Versuche, deiner Wirbelsäule zu Liebe vorhandenes Übergewicht abzubauen. Dies gelingt am besten mit einer Kombination aus gesunder Ernährung und Sport. Bei starker Fettleibigkeit (Adipositas) wäre eventuell über ein Magenband nachzudenken. Lass dich in diesem Fall ärztlich beraten.

Fazit

Morbus Scheuermann ist eine recht häufig auftretende Erkrankung im Kindes- und Jugendalter, wobei Jungs etwas häufiger betroffen sind als Mädchen. Rechtzeitig erkannt und behandelt sind keine Einschränkungen in der Lebensqualität zu befürchten. Ohne Behandlung kann sich jedoch ein schwerer Rundrücken bilden, der zur Bewegungseinschränkungen und Organschäden führen kann (Einengung der Lunge).

Beobachte dein Kind immer wieder aufmerksam, wenn es sitzt oder steht. Sollte dir wiederholt eine auffällig krumme Körperhaltung auffallen, dann suche zur Abklärung einen Arzt auf. Dies gilt besonders, wenn in deiner Familie bereits Fälle von Morbus Scheuermann aufgetreten sind.

  1. Quellen:
  2. Hessing Kliniken > Morbus Scheuermann > https://www.hessing-kliniken.de/orthopaedische-fachkliniken/wirbelsaeulenzentrum/wirbelsaeule/morbus-scheuermann/
  3. sundoc Bibliothek Uni Halle > Morbus Scheuermann > https://sundoc.bibliothek.uni-halle.de/diss-online/07/07H140/t2.pdf
  4. aerztezeitung.de > Aktuelle Studie > Immer mehr Kinder haben’s im Kreuz: https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Immer-mehr-Kinder-habens-im-Kreuz-310703.html